Gespräch mit Michel Levy im Sommer 2011

Welches ist deine früheste Erinnerung an ein Kunstwerk?
Ich habe keine früheste Erinnerung, denn ich habe in einem Milieu gelebt, in dem es keinen Platz für Kunstwerke gab.

In welcher Zeit ist bei dir eine Sensibilisierung für die Kunst erfolgt?
Es war da ganz einfach das Bedürfnis Sachen mit meinen Händen herzustellen, ganz gleich, welches Material dazu Verwendung findet.
Ich denke, dass eines der ersten Objekte, die ich geschaffen habe, aus einem Material gemacht war, das einfach zu benutzen ist, aus einem Stück Seife. Dann wurde es etwas ausgefeilter, es waren dann Holzstücke und Stücke von Steinen. Ich erinnere mich, dass ich die Messer aus der Küche meiner Mutter verwendet habe, ich habe sie beschädigt und ich habe Prügel bekommen.
Ich habe es mir wirklich nicht im Geringsten ausgesucht, Bildhauer zu werden. Ich denke, dass den Ausschlag im Gegenteil das Bedürfnis gegeben hat, mich auszudrücken, anhand von Dingen, die man aus dem Nichts schafft.

Ab wann hast du begonnen ein enges Verhältnis zu den bereits existierenden Kunstwerken zu entwickeln?
Ich bin 1962 nach Frankreich gekommen. Es war für mich eine wirkliche Offenbarung, denn zum Greifen nah war … alles. Wir wohnten in den sogenannten Hallen in Paris. In der Nähe gab es drei Interessensschwerpunkte für mich: zunächst den „Quai de la Mégisserie“, weil es dort Geschäfte mit vielen Tieren gab, und dann Notre-Dame und vor allem den Louvre…

Welches ist deine früheste Erinnerung an jene Entdeckungen?
Unheimlich lange Spaziergänge in Paris. Für mich war die Ankunft in Frankreich eine fabelhafte Stimulierung. Aber die ersten künstlerischen Erregungen erfolgten auf dem Hintergrund eines Mischmaschs aller großer Klassiker. Was mich wirklich geprägt hat ist die klassische Kunst, die mir vieles eingehaucht hat, die Art und Weise, wie ein Mensch fähig ist eine sensible Zone zu schaffen, sei es auf einer Leinwand, sei es in Form einer Skulptur, das war etwas völlig Magisches.
Ich habe mich also ganz allein selbst dazu ausgebildet meinerseits auch zu versuchen sensible Zonen zu schaffen. Solche Zonen, die etwas erzählen.

Gibt es Namen von Künstlern oder von Werken, die dir spontan in den Sinn kommen ?
Alle klassischen Namen. Rodin, Michel-Ange, Canovas …

Warum die Bildhauerei und nicht die Malerei ?
Ich weiß nicht. Die ersten Gemälde, die ich geschaffen habe, waren Reliefs. 3D hat sich mir also schon in sehr jungem Alter aufgedrängt. Am Anfang meiner Studien hatte ich ganz automatisch eine perfekte räumliche Wahrnehmung, zu meinem großen Erstaunen.

Du hast alles ganz allein gelernt über die Beobachtung von Kunstwerken?
Ja, im Bereich der Bildhauerei gibt es weitaus mehr als im Bereich der Malerei keine Verfälschung und kein Geheimnis. Alles ist in dem geschaffenen Objekt. Alles ist absolut sichtbar, in der äußeren Darstellung. Aber es gibt viele unsichtbare Dinge, die sich auf die innere Architektur beziehen. Was heißen soll, dass wenn man einen Zeh am Fuß beobachtet, man dabei die Zehenknochen fühlt, die kleinen Muskeln, und so weiter, und über all das hinaus fühlt man eine Emotion. Nehmen wir zum Beispiel den Zeh von Carpeaux in der Skupltur von Ugolin und seinen Söhnen, wo der Zeh steif ist, das ist einfach phänomenal, was man an Emotionen über einen Zeh vermitteln kann.
Du hast gesagt, dass man in der Bildhaurei nichts verbergen kann. Ist es also letztendlich nicht etwa der authentische und offenherzige Aspekt der Skultur, der dich angezogen hat?
Ich denke nicht, dass es ein überlegter Schritt ist. Es ist ein Bedürfnis, dass sich ausdrücken musste, ohne jedweden intellektuellen Vorgang, welcher erst später gekommen ist.

Und dieses Bedürfnis sich auszudrücken, kennst du dessen Ursache?
Nein, ich habe mir lange Zeit die Frage gestellt, die Frage, woher dieses Bedürfnis kam, diese „Gabe“, aus welchem Teil meiner Familie es kommen konnte. Das Einzige, das ich gefunden habe, ist mein Großvater väterlicherseits, der Juwelier in Algerien war. Es ist die einzige Verbindung, die ich zum Schaffen und zur Materie gefunden habe.

Warum setzt du das Wort „Gabe“ in Anführungszeichen?
Weil, wer kann sich schon der Tatsache rühmen, eine Gabe zu haben? In welchem Maße kann man sagen, dass eine Tätigkeit eine Gabe ist? Das ist sehr heikel. Aber die Frage, die ich mir oft gestellt habe, und die mich manchmal an eine Metamorphose denken lassen hat, bezieht sich darauf, dass es mir in gewissen Momenten schien, dass ich Dinge tun konnte, Dinge, die zu tun ich nicht fähig hätte sein dürfen.

Ab wann ist die Bildhauerei zu einer so lebenswichtigen Notwendigkeit geworden, dass du sie zu deinem Beruf gemacht hast?
Die Frage hat sich so nicht gestellt. Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich zwei Interessensschwerpunkte: ich stellte kleine Objekte her, ich suchte nach Dingen im Bereich der Materie: zum Beispiel das Holz: man nimmt ein Stück Holz, macht ein kleines Objekt daraus und poliert es dermaßen, dass es den Anschein von Elfenbein erweckt. Es geht also darum in der Materie Dinge zu suchen, die dort a priori nicht existieren. Mein zweites Interessensgebiet war die Neugier bezüglich dessen, was lebendig ist in den kleinen Tieren, die ich finden konnte, die ich beobachtete, sezierte und in Formalin konservierte.
Wir sind nach Frankreich gekommen, und zu der Zeit, als ich mein Abitur machte, ist mein Sohn Laurent geboren, und ich habe das Abitur nicht geschafft… Da habe ich mir gesagt, dass es an der Zeit ist, meine erste Leidenschaft zu befriedigen, und ich habe mich Hals über Kopf in die Bildhauerei gestürzt, ich habe mein erstes Atelier in den Hallen von Paris eingerichtet. Das hat mir sehr geholfen, denn es war eine sehr schwierige Zeit, und das therapeutische Wirken der Kunst ist immens. Nach einigen Jahren, etwa im Alter von 25 Jahren, nachdem ich etwas Geld verdient hatte, habe ich mir gesagt: es ist nun an der Zeit, meine zweite Leidenschaft zu befriedigen, jene für die Wissenschaft. Ich habe also beschlossen ein Medizinstudium aufzunehmen. Aber ich hatte nicht das Abitur. Ich bin in eine kommunale Schule gegangen, die Menschen jeden Alters aufnahm, um ihnen zu erlauben ein zu einem Studium berechtigendes Zertifikat zu erreichen, ein Diplom oder das Abitur, wunderbare Menschen, die ihr Schicksal in die Hand nehmen wollten um einen Richtungswechsel in ihrem Leben vorzunehmen.
Ich hatte viel Glück, denn ich habe das Abitur geschafft. Ich habe mich in einer medizinischen Fakultät eingeschrieben, im Universitätsklinikum Henri Mondor, und dort habe ich in den ersten zwei Jahren Abendkurse belegt. Es gab dort wunderbare Professoren, die etwas von ihrer Zeit für diese Kurse abgaben, Kurse für jene, die man berufstätige Studenten nannte. Ich habe das Auswahlverfahren erfolgreich durchlaufen und mein Studium fortgesetzt, und ziemlich schnell habe ich mich ruiniert vorgefunden: keine Wohnung, kein Atelier, nichts mehr. Eine schwierige Zeit, in der ich zu Papa und Mama zurückgekehrt bin, was ich niemandem wünsche. Und zu dieser Zeit hatte ich, da ich kein Atelier mehr hatte, dem Krankenhausgremium einen Deal vorgeschlagen: ich habe zwei leere Räume gegenüber der Cafeteria ausfindig gemacht, habe ich gesagt, stellen Sie sie mir zur Verfügung, damit ich daraus mein Atelier mache. Und im Gegenzug werde ich den Medizinstudenten Malkurse und Bildhauerkurse anbieten. Das Experiment hat sehr viel Erfolg gehabt, und es hat mehrere Jahre angehalten. Und im Laufe meines Studiums bin ich als Externer in eine Gerontologieabteilung gekommen, dessen Leiter Doktor Bodak war. Er wusste von meinem Expriment mit den Studenten und Medizinern Bescheid und hat mir vorgeschlagen Gleiches für alte Menschen einzurichten.
Wir haben die erste Abteilung für Kunsttherapie in der Gerontologie geschaffen. Wir haben ganz klein begonnen mit meinen Sachen, meinen Staffeleien, etc., und es hat Bedeutung erlangt.

Und was hat dir das gebracht?
Es ist enorm. Denn meine Theorie ist, dass ich denke, dass der wahre Gegenstand der Kunst der Mensch ist, und folglich hat diese Art von Erfahrung mich dazu gebracht zu verstehen und zu wissen, was die menschliche Natur ist, in sehr schwierigen Umständen. Das hat mir viel gebracht in Bezug auf die Reflexion über die menschliche Natur, über die Schwierigkeit des Seins.
Dieses Experiment einer Kunsttherapie hat das Interesse des Direktors des Sozialamtes geweckt. Es hat ihn verzückt, und es kam ihm gelegen, denn es verlieh jenen schrecklichen Einrichtungen, welche die gerontologischen Einrichtungen sind, und besonders bei Langzeitpatienten, ein humanitäres Aushängeschild. Er hat uns viele Mittel zur Verfügung gestellt: wir hatten Psychiater, Ergotherapeuten, Krankenschwestern… Es hat sich so sehr und so gut vergrößert, dass ich die Ehre hatte, in die 20-Uhr-Nachrichten zu kommen.
Es ist 4 Jahre so weitergegangen, aber ich hatte existentielle Probleme: die Medizin ist ein Fulltimejob, und die Bildhauerei auch. Es stellte sich also das Problem der Wahl, und wer Wahl sagt, sagt auch Angst. Ich habe lange Zeit gebraucht um mich zu entscheiden, und ich habe schließlich die Bildhauerei gewählt.

Hast du das nie bereut?
Nein, ich bereue es nicht, aber die Medizin fehlt mir, weil es eine perfekte Rechtfertigung unserer Existenz auf dieser Erde ist, weil man auf einfachste, banalste und alltäglichste Weise den Anderen hilft. Man hat wirklich den Eindruck nützlich zu sein. Wahrscheinlich gilt das auch für die Kunst, aber das ist weitaus indirekter, weitaus subtiler.
Ich habe das Gefühl gehabt den egoistischen Weg zu gehen, jenen der persönlichen Verwirklichung.

Wenn man das Zimmer betrachtet, in dem deine Werke ausgestellt sind, so fällt einem die absolut unglaubliche Vielfalt der Formen deiner Kunst auf. Was nährt deine Inspiration?
In diesem Zimmer gibt es verschiedene Perioden. Wenn ich in einer Periode arbeite, so schaffe ich viele Werke, die in dieselbe Richtung gehen, und danach ändert sich die Zeit, die Jahre vergehen und ich interessiere mich für andere Dinge. Die augenfällige Vielfalt kommt daher, dass ich so funktioniere, dass mich Elemente leiten, die eine Dualität aufweisen. Zum Beispiel war ich, als ich mit der Bildhauerei begonnen habe, verrückt nach der Schönheit, also von klassischen Quellen inspiriert, von denen wir zuvor gesprochen haben.
Nach einigen Jahren habe ich mich in einer Sackgasse vorgefunden, denn es gab einen Haufen Dinge, die man mittels der ästhetischen Skulptur nicht ausdrücken konnte, vor allem das, was sich auf die Schwierigkeit des Seins bezieht, die Schwierigkeit sich selbst zu konstruieren, die Lebenssituation des Menschen – Dinge, deren ich mir im Krankenhaus bewusst geworden war.
Da habe ich mich auf die andere Seite des Spiegels gestellt, an das äußerste Ende des Ästhetischen, und ich habe eine zutiefst anti-ästhetische Vorgehensweise gefunden, bei der ich mich von den scheinbar schönen Dingen befreit habe. Da habe ich zum Beispiel Zwerge gefunden, ein Thema, das mir günstiger erschien um das auszudrücken, was ich ausdrücken wollte. Warum Zwerge? Weil ich eine ziemlich pessimistische Sicht der Entwicklung der Menschheit einnehme; ich finde, dass der Mensch in unglaublichem Maße auf dem Gebiet der Technologie voranschreitet, wohingegen ich finde, dass er auf menschlichem und charismatischem Gebiet kleiner wird. Um es also auf die einfachste Weise in dieser Welt zu sagen, mache ich Menschen klein. Die augenfällige Vielfalt, die du betonst, das sind Zyklen.

Wenn du einen Zyklus nimmst, musst du ihn bis zum Ende durchlaufen, bevor du einen anderen beginnst?
Ja, genau. Hast du vom kreativen Prozess gesprochen? Das Bild, dass ich gern vom Schaffen gebe, ist jenes der Batterie, mit Zeiten der Anhäufung von Energie und mit Zeiten des Freiwerdens von Energie. Die Zeiten der Anhäufung sind unbestimmt: man kann Energie einen Monat lang anhäufen, sechs Monate lang, zwei Jahre lang… Wenn das Freiwerden erfolgt, so geschieht dies blitzartig. Zu einem bestimmten Zeitpunkt gibt es einen Haufen Fragen, die man sich stellt, und im Kopf gibt es ein fertiges Bild der Skulptur, die man schaffen will. Ich denke, dass das ein ziemlich gutes Bild ist, dass es eine Zeit des Aufladens und des Entladens gibt.
Wenn man sich in der Zeit des Aufladens befindet, wenn man diese famose Inspirationsbatterie auflädt, kann alles ins Spiel kommen. Sicherlich kommen die menschlichen Beziehungen ins Spiel, sicherlich die Lektüre, die Filme…

Bist du dir der Tatsache bewusst, dass man, wenn man deine Werke beobachtet, dich besser verstehen kann?
Es ist klar, dass für den, der lesen kann, die Dinge absolut transparent sind. Aber man ist durch die Tatsache geschützt, dass sehr wenige Menschen diese Art von Dingen lesen können. Sie bleiben an der Oberfläche. Wenn man es mit intelligenten Kunstkritikern zu tun hat, so fühlen wir uns alle nackt.

Was empfindest du in diesem Raum, wenn du dort einen Teil deines Lebens ausgedrückt siehst?
Das ist wie ein Weg, den man durchlaufen hat, und dieser Weg ist durch Grenzsteine markiert. Die Skulpturen sind Grenzsteine, und was mich am meisten interessiert, sind jene, die wichtige Grenzsteine sind, jene, die Kursänderungen, Richtungsänderungen dargestellt haben, jene, die zu einem unterschiedlichem Verständnis der Dinge Anlass gegeben haben. Jene sind, sei es Grenzsteine, sei es Treppenstufen, auf die man sich verlassen kann um auf andere Ebenen zu gelangen. Denn der kreative Parcours, das ist so viel wie möglich auf höhere Ebenen zu gelangen, sein Potential also bestmöglich zu entfalten. Ein jeder hat sein Potential, das Drama ist, wenn man es nicht schafft es auszudrücken. Ein perfektes Leben, ein glückliches Leben, das ist ein Leben, in dem man auf den Grund von sich selbst gehen konnte und sein Potential ausdrücken konnte.

Wenn du das hier ansiehst, hast du dann den Eindruck einen Teil dieses Potentials ausgedrückt zu haben?
Es gibt viele vollendete Dinge, aber ich würde zu einer Antwort tendieren, die sich nach der Zeit richtet. Ich habe ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein der Zeit, die vergeht, denn je mehr die Zeit vergeht, je mehr schrumpfen die kreativen Zeiträume zusammen und je mehr erblickt man das Ende des Weges und das baldige Aufhören all dessen.

Was treibt dich an weiterzumachen?
Ich sehe die Bildhauerei als eine Sprache an, mit einem Vokabular und einer Syntax. Es ist die mir eigene Art mit der Welt in Dialog zu treten. Wenn ich aufhöre zu arbeiten, verstumme ich, ich habe keine tiefe Beziehung mehr zu der Welt. Es ist das Bedürfnis, auf einer sensiblen Ebene zu kommunizieren. Und diese Sprache formt sich in dem Maße, in dem ich ein symbolischer Künstler bin, ich konstruiere mir in wirklichem Sinne eine Sprache. Das einfachste Beispiel für meine Sprache ist meine Begegnung mit der Knospe des Kirschbaums. Eines Abends mitten im Winter habe ich mich in einem früheren Haus vor einem Kirschbaum vorgefunden, der voll von Knospen war. Das hat mich in eine tiefe innere Auseinandersetzung geführt, in Bezug auf die Begriffe der Dualität, des Yin und des Yang, in Bezug auf das Lebenspotential, weil die Knospe in sich das Potential der Blume und der zukünftigen Frucht trägt. Seit langem bereits gebrauche ich das Bild der Knospe, wenn ich vom Leben sprechen will.

Wenn ich recht verstehe, so gibt es nichts Willkürliches an dem, was du machst ?
Alles ist vollkommen beabsichtigt. Es gibt einen bewussten Gedanken, der meine Schritte am Beginn der Skulptur leitet und danach muss ich an andere Dinge appellieren. Die religiösen Juden haben eine Meditationstechnik, die es ermöglicht auf andere Bewusstseinsstufen zu gelangen. Diese Techniken, die den Zugang zu anderen Bewusstseinsstufen ermöglichen, erlauben es, Elemente des Unbewussten im Bewussten zu Tage treten zu lassen, und das ist etwas ganz und gar Wertvolles. Man kann nicht alles beherrschen, und man soll es vor allem nicht.